Sie saß an der Wand, durch ihre Facettenaugen erblickte sie die junge Frau vielfach und in den schillerndsten Farben. Sie flog auf sie zu, doch dann kam eine Handbewegung und sie musste ausweichen, dabei geriet sie auf die Bahn in ein anderes Zimmer.
Die junge Frau indes, deren Name Jiliana war, bemerkte die Fliege kaum, die geradewegs auf sie zugeschwirrt kam, sie wischte sie gedankenverloren mit einer abwehrenden Handbewegung aus der Luft, traf aber natürlich nicht. Jiliana war gerade 17, sie war klug und aufgeweckt, aber auch anders als andere Mädchen, sie spielte als sie kleiner war nicht gern mit Puppen, hatte auch nie besonders viele Freundinnen oder Freunde und wenn, dann eben doch eher Jungs und das, obwohl sie nun wirklich kein streitsüchtiger Mensch war. Nein eher, ruhig und beobachtend, vielleicht aber auch ein wenig eigenbrödlerig.
Sie hatte großes Interesse an der Wirkung, Funktion und dem Aufbau eines jeden Etwas, egal, ob in der Natur, Technik, oder an Mensch und Tier, sie untersuchte alles so genau es ging, wollte wissen, wie alles funktionierte, bis ins kleinste Detail. Ihre Mutter rügte sie oft, wenn sie sich zu sehr in irgendwelchen Details verstrickte, sie meinte, ihr entgehen dabei die wesentlichen Dinge im Leben. Jiliana fragte sich oft, was das denn sein sollte. Sie war nun eine junge Frau geworden, war auch schon verliebt gewesen, das hatte sich aber wieder gelegt, als sie erkannte, dass der Junge nicht zu ihr passte und sie überhaupt nicht verstand. Nein, er war so oberflächlich, und naiv.
Aber darum machte sie sich im Moment sowieso die wenigsten Gedanken. Sie saß an einem alten Holztisch ohne Tischdecke, vor ihr stand ein großes Glas gefüllt mit Wasser. Es war nur noch halb voll, da sie einen Teil bereits getrunken hatte.
Sie saß da, den Kopf auf ihre rechte Hand gestützt, den Ellenbogen auf dem Tisch, die linke Hand die gerade noch nach der Fliege gewedelt hatte, lag lustlos auf dem Tisch. Jiliana war recht hübsch anzuschauen, vielleicht keine Schönheitskönigin, aber doch sehr attraktiv, wenngleich das ja ohnehin immer sehr subjektiv betrachtet werden sollte. Sie hatte ein hübsches Gesicht, ein süße Nase, ein schönen, weichen Mund, wunderschöne graublaue Augen, lange schwarze Haare, die in süßen Wellen an ihren Schultern hinabfielen. Oh, sie war sich dessen nicht bewusst, was aber zum einen sicher an ihrer Art lag und zum anderen dazu beitrug, dass sie eben so war, wie sie war. Für sie zählten die Äußerlichkeiten nicht so viel, was nicht hieß, dass sie sie nicht wahrnahm, einer der Gründe, wieso sie schon auch darauf achtete und sich pflegte. Im Grunde schien sich das zu widersprechen, tat es aber nicht, sie war lediglich der Ansicht, man sollte das beste aus sich machen, aber die Wirkung war ihr letzten Endes ziemlich egal, so lange sie damit Probleme vermeiden konnte. Vielleicht hätte sich einiges verändert oder wäre sowieso anderes gewesen, hätte sie gewusst, wie vielen Jungs sie schon den Kopf unabsichtlich verdreht hatte. Nun, sie hatte auch wirklich eine süße Art an sich, sie war oft gedankenverloren, dadurch irgendwie auch unnahbar, und doch nicht eingebildet oder arrogant, wie so viele andere Mädchen, welche sie dafür hassten, weil sie bei vielen Jungs so begehrt war und es noch nicht mal wollte, wie es denen schien. Ihre Art, den eigenen Gedanken nachhängend, unaufdringlich, klug und hübsch und nicht oberflächlich, ließ viele Jungs von ihr träumen.
Jiliana dachte viel nach, oft betrachtete sie Dinge und versucht dann so nah wie möglich mit dem Auge heran zu kommen, um selbst kleinste Details noch zu erkennen. Dinge, denen andere keine Beachtung schenkten, faszinierten sie teilweise einfach nur, weil sie wissen wollte, wie sie funktionieren. In letzter Zeit jedoch verlor sie selbst daran Interesse, sie grübelte viel nach, versuchte zu verstehen, warum alles so ist, wie es ist und stellte sich die Frage aller Fragen, die die Menschheit seit Ihrer Schöpfung oder Intelligentwerdung bewegt. Gibt es einen Sinn des Lebens? Die Frage ließ sich natürlich nicht ohne Weiteres beantworten, wie auch, wenn es doch selbst Philosophen seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden nicht schafften das Rätsel zu lüften. Nein, sie wollte nur wissen, warum man sie hier gelassen hat, mit diesem Drang nach Wissen, den ihr niemand beantworten konnte. Trotz alle der faszinierenden Details des Lebens, der Materie an sich, geschah überall so vieles, was belanglos, unbedeutend und sinnlos erschien, anstatt Rätsel zu lösen und sich an so vielen Dingen zu erfreuen, verschwendeten viele Menschen ihre Zeit mit der Lösung völlig unsinniger Aufgaben, gaben sich Diskussionen hin, die einfach nur unsinnig und bedeutungslos schienen. Sie wusste nicht, was das alles sollte. Sie trank einen weiteren Schluck aus dem Glas.
Die Fliege hatte sich inzwischen aus dem Nebenzimmer wieder in die Küche verirrt, in der Jiliana noch immer saß. Erneut steuerte sie auf die junge Frau zu, doch diesmal änderte sie kurz vorher den Kurs und setzte sich auf den Rand des Glases. Jiliana sah die Fliege landen. Gleichgültig, aber mit wachen Augen betrachtete sie sie.
„Hmm, Du hast es auch nicht besser, fliegst hin und her, nur, um Deine Instinkte und Urtriebe zu befriedigen, die Dich dazu veranlassen Deine Art und Dich selber am Leben zu halten…“ Jiliana hatte sich schon seit dem Bio-Unterricht intensiv mit der Darwinschen Lehre auseinander gesetzt und war sehr davon angetan, dennoch fehlte ihr auch dort der Grund des Ganzen, das Wieso und wozu. Gerade bei Lebensformen, deren Intelligenz wir ihnen oft völlig absprechen, fragte sie sich, wozu sollte deren Existenz dienen, nur um eine Ökosystem zu erhalten, in dem auch der Mensch existieren kann. Eine arrogante, ja fast schon absurde Idee. Oft stieß sie mit ihren Gedanken an die Grenzen des für sie vorstellbaren, das Universum war schon allein unvorstellbar, wie klein ein Elektron, ein Photon schon im Vergleich zu einem Menschen war und wie unbedeutend und klein dieser dann im Vergleich zum unserem Planeten war und wie unbedeutend dieser wiederum zu unserer Galaxie scheint und diese wiederum ist nur eine von ca. 300 Milliarden, damit doch auch fast unbedeutend. Die Entfernungen im Vergleich zum Inneren eines Atoms so unvorstellbar groß, dass alles sinnlos und unvorstellbar scheint und dennoch „ist es“. Aber darum ging es nicht, ihr wurde oft bewusst, dass das alles vielleicht keinem Sinn/Gott oder was auch immer dient, dass es keinen gibt, der dahinter steckt. Vielleicht war es wirklich alles nur Chaos, auch über die Chaostheorie hatte sie einiges gelesen, aber bei Weitem nicht alles verstanden. Trotz ihrer Intelligenz, die sie zweifelsohne besaß, fehlten ihr natürlich auf vielen Gebieten die wissenschaftlichen Grundlagen, die man in der Schule nicht vermittelt bekam.
So saß sie nun da und betrachtete die Fliege. Als sie immer näher mit dem Kopf heranging, um die Facettenaugen zu betrachten, flog die Fliege plötzlich weg. Jiliana wurde dadurch etwas aus ihren Tagträumen gerissen und hörte so Ihre Mutter rechtzeitig von oben herunterkommen. Schwups, setzte sie ein relativ freundliches Gesicht auf und stand auf. Sie ging zum Kühlschrank und tat, als würde sie etwas zu essen suchen. Ihre Mutter kam die Treppe herunter und betrat die Küche. „Jiliana, was suchst Du denn, es gibt nachher gleich Abendessen. Ach…, der Abwasch ist doch noch immer nicht gemacht…“. Upps, den hatte sie völlig vergessen, war es schon so spät geworden. Nun, wie auch immer, es schien an der Zeit sich wieder ins System der Sinnlosigkeit, in die Welt des Nichts, des Scheins einzuordnen. „Ich mache es gleich, muss wohl eingenickt sein.“, sagte sie und trat an das Spülbecken um den Stöpsel einzustecken. Als sie das Wasser einließ, spürte sie, dass sie nicht allein war mit ihren Gedanken.
Da musste es etwas geben, wieder glitten ihre Gedanken ab und in einem Automatismus, der einer gewissen Lethargie glich, spülte sie währenddessen das Geschirr ab.
Die Fliege indessen flog an das Fenster vor der Spüle und ließ sich auf dessen Griff nieder, sie schaute erneut auf das Mädchen und betrachtete diese ganz genau.